Lesung und Diskussion am 7. April 2026 um 18:30 Uhr im [kany]
“Die LTI ist ganz darauf gerichtet, den einzelnen um sein individuelles Wesen zu bringen, ihn als Persönlichkeit zu betäuben, ihn zum gedanken- und willenlosen Stück einer in bestimmter Richtung getriebenen und gehetzten Herde, ihn zum Atom eines rollenden Steinblocks zu machen.

Die LTI ist die Sprache des Massenfanatismus. Wo sie sich an den einzelnen wendet, und nicht nur an seinen Willen, sondern auch an sein Denken, wo die Lehre ist, da lehrt sie die Mittel des Fantasierens und der Massensuggestion.” (Victor Klemperer, LTI)
Victor Klemperer wurde 1881 geboren. Ab 1920 war er als Professor für Romanistik an der Technischen Hochschule in Dresden tätig.
Als Literaturwissenschaftler war Sprache stets ein Gegenstand, mit dem sich Klemperer intensiv auseinandersetzte.
Mit dem aufkommenden Nationalsozialismus hielt im Deutschen Reich eine neue Art des Sprechens Einzug, die Klemperer in seinem Werk “LTI” (Lingua Tertii Imperii, d.h. Sprache des Dritten Reichs) in den Blick nimmt.
Klemperer selbst wurde von den Nationalsozialisten als Jude verfolgt. Er verlor seinen Posten an der Universität, sein Haus, zahlreiche Menschen aus seinem Umfeld und erlebte die Bombardierung Dresdens als zwangsweiser Bewohner eines sogenannten “Judenhauses”. Nur mit sehr viel Glück überlebte er den von den Nationalsozialisten ins Werk gesetzten Versuch einer vollständigen Vernichtung jeden Lebens, das sie sich als jüdisch imaginierten.
Klemperers Perspektive ist die eines aus der deutschen “Volksgemeinschaft” Verstoßenen und gleichzeitig die eines wachen und präzisen Beobachters. Sie ist die eines zum Protestantismus konvertierten liberalen Bürgers, dessen Herkunft aus einer jüdischen Familie ihn für die Nazis und die ihn umgebende Gesellschaft zum Feind machte – auch ungeachtet seiner gewählten politischen Gegnerschaft.
“Es gibt nur eine Lösung der deutschen oder westeuropäischen Judenfrage: Die Mattsetzung ihrer Erfinder”, schrieb Klemperer während der Zeit des Nationalsozialismus in seinem Tagebuch.
Darin setzte er sich, ebenso wie in seinem bekanntesten Werk “LTI”, mit den Erscheinungsformen und Folgen von Antisemitismus auseinander und beschrieb einen Wahn, der nach und nach fast die gesamte deutsche Gesellschaft erfasste.
In unserer Lesung wollen wir uns anhand von Ausschnitten textbasiert mit Klemperers Analyse einer vom Nationalsozialismus geprägten deutschen Sprache auseinandersetzen. Darüber hinaus verschaffen wir uns einen Einblick in seine politischen Perspektiven und seine Biographie.
