Von Theodor W. Adorno (in: Ders. Erziehung zur Mündigkeit, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1973, S. 120-133)

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Ich bin völlig der Ansicht, dass der Wettbewerb ein im Grund der humanen Erziehung entgegengesetztes Prinzip ist. Ich glaube im Übrigen auch, dass ein Unterricht, der sich in humanen Formen abspielt, keineswegs darauf hinausläuft, den Wettbewerbsinstinkt zu kräftigen. Damit kann man allenfalls Sportler erziehen, aber keine entbarbarisierten Menschen. Wenn ich mich an meine eigene Schulzeit erinnere, dann hat in den sogenannten humanen Fächern Wettbewerb überhaupt keine Rolle gespielt. Es kam darauf, dass zu realisieren, was man gelernt hat; etwa dadurch, dass man reflektiert auf die Schwächen dessen, was man selber tut; oder die Ansprüche, die man an sich selber und an die Objektivation dessen stellt, was einem vorschwebt; sich aus primitiven Vorstellungen und aus Infantilismen der verschiedensten Art herauszuarbeiten.